Hans im Glück
Hans im Glück gehört zu den bekanntesten Märchen der Brüder Grimm und ist bis heute ein beliebtes Märchen zum Vorlesen. Diese frei und kindgerecht neu erzählte Fassung verbindet den vertrauten Stoff mit einer ruhigen, warmen Sprache und macht deutlich, warum Hans im Glück als deutsches Märchen über Zufriedenheit, Leichtigkeit und echtes Lebensglück so viele Familien bis heute berührt.
Sieben Jahre lang hatte Hans fleißig bei seinem Herrn gearbeitet. Er war früh aufgestanden, hatte Säcke getragen, Mühlsteine gesehen, Kornstaub geatmet und selten geklagt. Als seine Zeit vorbei war, trat er freundlich vor seinen Meister und sagte:
— Herr, ich habe Euch treu gedient. Nun möchte ich gern wieder zu meiner Mutter nach Hause. Gebt mir bitte meinen Lohn.
Der Meister nickte, ging in die Kammer und kam mit einem großen Stück Gold zurück. Es war schwer, rund und beinahe so groß wie Hansens Kopf.
— Du hast ehrlich gearbeitet. Nimm dies als deinen verdienten Lohn.
Hans wickelte das Gold in sein Tuch, hob es auf die Schulter und machte sich fröhlich auf den Heimweg. Doch je länger er ging, desto tiefer drückte das Gewicht auf Rücken und Arme. Die Sonne stand warm über den Feldern, der Weg war staubig, und aus dem stolzen Schritt wurde langsam ein mühsames Schleppen.
Da kam ein Reiter auf einem schönen Pferd daher. Das Tier lief leicht und ruhig, als wäre der Weg für es kaum der Rede wert. Hans blieb stehen und seufzte:
— Reiten muss etwas Herrliches sein. Man sitzt bequem, kommt schnell voran und schont die Füße.
Der Reiter hörte das und lächelte.
— Wenn du willst, können wir tauschen. Du gibst mir dein Gold, und ich gebe dir mein Pferd.
Hans brauchte nicht lange zu überlegen. Das Gold war schwer, das Pferd sah nützlich aus.
— Einverstanden.
Wenig später saß er schon im Sattel und fühlte sich frei wie ein König.
Doch Hans war das Reiten nicht gewohnt. Als er das Pferd schneller antreiben wollte, machte es einen kräftigen Satz, und im nächsten Augenblick lag Hans im Straßengraben. Gerade kam ein Bauer mit einer Kuh vorbei. Er half ihm auf und fragte:
— Ist alles in Ordnung?
Hans klopfte sich den Staub von der Jacke und antwortete:
— Das Pferd ist nichts für mich. Es geht zu schnell, und ich lande am Ende noch mit gebrochenen Knochen im Graben. Eure Kuh scheint mir viel vernünftiger. Sie läuft ruhig, und außerdem gibt sie Milch.
Der Bauer grinste.
— Wenn dir die Kuh besser gefällt, können wir tauschen.
Hans war sofort zufrieden und nahm die Kuh am Strick mit sich.
Zunächst hielt er sich für einen besonders klugen Mann.
— Jetzt fehlt mir nur noch Brot, und dazu gibt es Milch, Butter und vielleicht sogar Käse. Was will man mehr?
Doch in der Mittagshitze bekam er großen Durst. Er band die Kuh an einen Baum und versuchte, etwas Milch zu melken. Nur leider kam kein einziger Tropfen. Stattdessen trat das Tier ungeduldig aus und traf Hans so unglücklich, dass er rückwärts ins Gras fiel. Benommen rieb er sich den Kopf, als ein Metzger vorbeikam, der ein junges Schwein auf einem Karren hatte.
— Das sieht nicht nach einem guten Tausch aus.
Hans seufzte.
— Ich dachte, die Kuh würde mir Nutzen bringen. Stattdessen hat sie mir nur Durst und einen Tritt beschert.
Der Metzger hob das Schwein ein wenig an.
— Dieses Tier ist praktischer. Es ist jung, ordentlich genährt und gewiss wertvoll. Wenn du willst, tauschen wir.
Hans willigte dankbar ein.
Nun zog er mit dem Schwein weiter und war wieder bester Laune. Das Tier trottete ordentlich hinter ihm her, und Hans pfiff vor sich hin. Nicht lange danach begegnete ihm ein Bursche mit einer weißen Gans unter dem Arm. Sie kamen ins Gespräch, und Hans erzählte stolz von seinen vorteilhaften Tauschgeschäften. Der Bursche hörte zu, sah sich dann nach links und rechts um und sagte leiser:
— Mit deinem Schwein würde ich nicht offen durchs nächste Dorf gehen. Dort wurde heute ein Tier gestohlen. Wenn dich jemand damit sieht, gerätst du womöglich in großen Ärger.
Hans erschrak. An Richter, Wachen und Verdächtigungen wollte er nicht einmal denken.
— Was soll ich nur tun?
Der Bursche hob die Gans hoch.
— Nimm lieber diese Gans. Damit fällst du nicht auf, und zu Hause wird man sich über einen guten Braten freuen.
Hans fand das vernünftig und tauschte ohne Zögern.
Mit der Gans im Arm fühlte er sich wieder sicher. Die Federn waren weich, das Tier war ruhig, und Hans stellte sich schon vor, wie sehr sich seine Mutter freuen würde. Als der Abend näher rückte, traf er einen Scherenschleifer mit Karren, Rad und singender Stimme. Der Mann wirkte vergnügt, obwohl er in einfachen Kleidern unterwegs war. Hans blieb neugierig stehen.
— Ihr scheint ein glücklicher Mensch zu sein.
Der Schleifer lachte.
— Wer ein gutes Handwerk hat, trägt sein Glück oft gleich bei sich. Ein rechter Schleifer findet immer Arbeit und hat fast immer ein paar Münzen in der Tasche.
Hans Augen wurden groß.
— Wirklich? Dann muss das das beste Leben sein, das man führen kann.
Der Schleifer nahm einen Wetzstein in die Hand.
— Wenn du willst, kannst du anfangen wie ich. Gib mir die Gans, und ich gebe dir diesen Schleifstein. Damit bist du deinem Glück schon sehr nah.
Hans dachte an das Geld in der Tasche, an ein sicheres Auskommen und an die Leichtigkeit, mit der der Mann sprach. Also reichte er ihm die Gans und nahm den Stein. Dazu bekam er noch einen schweren Feldstein, den man zum Schlagen und Richten benutzen könne. Nun trug Hans wieder Gewicht, aber in seinem Herzen war er voller Hoffnung.
— Jetzt werde ich ganz gewiss ein glücklicher Mann.
Doch der Weg wurde von Schritt zu Schritt beschwerlicher. Seine Schultern schmerzten, die Hände wurden müde, und der Hunger nagte an ihm. Endlich kam er an einen Brunnen. Er stellte die Steine vorsichtig auf den Rand, setzte sich nieder und wollte trinken. Als er sich nach vorn beugte, stieß er leicht an die Steine. Im selben Moment kippten beide über den Rand und verschwanden mit einem dumpfen Plumps im tiefen Wasser.
Hans blickte erst erstaunt in den Brunnen. Dann richtete er sich auf, atmete tief ein und spürte plötzlich, wie frei seine Arme geworden waren. Keine Last mehr auf der Schulter, nichts in den Händen, kein Druck auf dem Rücken. Und da begann er zu lachen, erst leise, dann hell und von ganzem Herzen.
— Was für ein Glück! Jetzt bin ich alles los, was mich bedrückt hat. So leicht wie jetzt war mir den ganzen Tag nicht.
Mit schnellen Schritten lief Hans den letzten Weg bis zu seiner Mutter. Als sie ihn an der Tür sah, schloss sie ihn sofort in die Arme.
— Hans, mein Junge, was bringst du heim?
Er lächelte, legte den Kopf ein wenig schief und antwortete:
— Nichts, was man tragen muss. Aber ich bringe ein leichtes Herz mit, und das ist mehr wert als Gold.
Da verstand seine Mutter, dass Hans auf seinem langen Heimweg etwas gelernt hatte, das man nicht wiegen konnte: Wer immer nur festhält, wird schwer. Wer loslassen kann, findet manchmal genau darin sein größtes Glück.